Die Peter-Hesse-Stiftung "SOLIDARITÄT IN PARTNERSCHAFT für EINE Welt in Vielfalt" wurde am 7. Dezember 1983 gegründet, um kleine Selbsthilfeprojekte in Haiti dauerhaft zu unterstützen, mit denen Peter Hesse 1981 privat begonnen hatte.
Die "Fondation Peter Hesse" wurde - als "Tochter" der deutschen Peter-Hesse-Stiftung am 17.11.1988 vom haitianischen Staat formal genehmigt (bekannt gemacht im "Moniteur", dem amtlichen haitiaanischen Mitteilungs-Blatt vom 12.10.1989). Das CENTRE MONTESSORI D'HAITI ist der in Haiti zum "Qualitäts-Gütesiegel " gewordene Name des Montessori-Lehrer-Trainingsprojektes der somit haitianischen Nichtregierungs-Organisation (NRO). Sitz der Fondation Peter Hesse ist seit Herbst 2001 erneut (wie schon zu Beginn in den Jahren bis 1996) in den Räumen der Deutschen Welthungerhilfe "Agro-Action Allemande" in Haiti.

Die Peter Hesse Stiftung begann ihre Hilfstätigkeit in Haiti nach privaten Einzelhilfen in den Jahren 1981 bis 1983 anlässlich der vierten Haitireise von Peter Hesse im Dezember 1983. Ursprünglich gefördert wurden in den Jahren 1984, 1985 und 1986 Dorfprojekte im Norden Haitis, in St. Suzanne, Port Margot, Trou-du-Nord, Cap Haitien sowie im Süden in O'Rouck. Ursprünglich standen Mini-Nähzentren im Norden Haitis sowie ein erster Kindergarten in St. Suzanne und ein Kinderzentrum in Port Margot im Vordergrund. Parallel begann jedoch die Erprobung der Montessori-Didaktik, insbesondere in St. Suzanne. Außerdem wurden von Peter Hesse insgesamt 8 jeweils zweitägige Seminare in Projekt-Management - abgehalten. Ab 1986 lag das Schwergewicht der Hilfe auf der ganzjährigen Ausbildung von Montessori-Vorschullehrerinnen und der Eröffnung von Montessori-Vorschulen für benachteiligte Kinder.
Ab 1986 verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Ausbildung von Montessori-VorschullehrerInnen und die Eröffnung von zumeist ländlichen Vorschulen für benachteiligte Kinder. Die fachliche Leitung dieses Montessori-Projekts lag in den Händen der in London ausgebildeten Montessori-Directrice Carol Guy-James Barratt aus Trinidad, bis haitianische Lehrerinnen von ihr soweit befähigt waren, die Vorschullehrer(innen)-Ausbildung in eigener haitianischer Regie weiterzuführen.

Kurz zu Haiti
Haiti ist Teil der zweitgrößten Karibik-Insel. Landfläche etwa so groß wie Belgien. Agrarland mit 7-8 Millionen Einwohnern, davon rund 2 Millionen in der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Menschen sind zumeist afrikanischen Ursprungs. Rund 30% des Landes wird (häufig schlecht) genutzt, weitere 10% wären landwirtschaftlich nutzbar.
Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt (LLDC). Trotz vieler dort tätiger Hilfsorganisationen leben zahllose Menschen unter unwürdigen Bedingungen, die sie ohne Hilfe nicht verbessern können. Es gibt viel (Taschen-)Diebstahl und Bettelei. Konflikte werden zumeist leidenschaftlich und laut verbal ausgetragen, gelegentlich jedoch auch mit ungezügelter Grausamkeit. Der weiße Ausländer gilt als zu melkende Kuh - wird ansonsten jedoch zumeist mit aufrichtiger Herzlichkeit behandelt. Die extremen sozialen Unterschiede manifestieren sich auch in einem mit der Hautfarbe verbundenen krassen Klassensystem. Die Kreolen (Mischlinge) dominieren das Geschäftsleben. Schwarze und kreolische "Eliten" sind Großmeister in der Ausbeutung der überwiegend ländlichen schwarzen Bevölkerung sowie der Entwicklungshilfe-Geber. Soziale Verantwortung für jedwede größere Gemeinschaft ist weitgehend unbekannt. Haitianer sind überwiegend sehr religiös; glauben fast alle an Voudou-Magie, häufig parallel zum Katholizismus. Außerdem sind zahlreiche - insbesondere US-amerikanische - Sekten in Haiti tätig. Haitianer sind vielfach äußerst kreativ (verbal und gestaltend), unsystematisch, aber sehr improvisationsfähig, miserabel vorgebildet, aber besonders lernbereit, stolz, aber herzlich und lebensfroh.

Anmerkung über Probleme und Problemlösungs-Ansätze in Haiti
aus der Sicht der Peter-Hesse-Stiftung - nach den ersten Lehrjahren in Haiti:
Kernproblem: Armut und Ausbeutung.
Übergeordneter Problemlösungs-Ansatz: Koordinierter finanzieller Druck und koordinierte friedliche Einmischung durch die internationale Staatengemeinschaft für mehr Demokratie und soziale Reformen.
Ein Hauptproblem: Miserable Bildungsqualität.
Eher Auswendiglernen = unkritisch übernommene, traditionelle "Lehrmethode" als Denken, Lesen, Schreiben und Rechnen in der Schule. Problemlösungs-Ansätze: Verbesserung der Didaktik und Lehrerfortbildung.
Problem: Geburtenüberschuss.
7 - 8 Millionen Menschen auf 27.700 km². Über 500 Einwohner auf einem kultivierten km². Problemlösungs-Ansatz: Bildung Problem: Ungenügende Trinkwasser-Versorgung und Abwasser-Entsorgung.
Problemlösungs-Ansätze: Beratung (und Finanzhilfe) beim Brunnenbau mit manuellen Einfach-Pumpen. Anregung zu Bau und Organisation der Pflege von Latrinen. Biologische Wasser-Regenerierung.
Problem mit Folgeproblemen: Unklare Bodenbesitzverhältnisse mit der Gefahr von Vertreibungen.
Problemlösungs-Ansätze: Kataster und regionale Klein-Eigentümer-Zusammenarbeit.
Folgeproblem: Erosion durch rücksichtsloses Abholzen insbesondere für die Holzkohlegewinnung.
Problemlösungs-Ansätze: Systematisches Aufforsten unter Beteiligung der Landbevölkerung - nach Klärung der jeweiligen Boden-Besitzansprüche. Kurzfristig Verbesserung der Technik zur Gewinnung besserer Holzkohle durch Beratung und Überzeugung. Folgeproblem: Energie (insbesondere zum Kochen).
Problemlösungs-Ansätze: Briquettierung und sonstige Energieauswertung landwirtschaftlicher Rückstände; Ausnutzung von Sonnen- und Windenergie. Kurzfristig: Spar-Öfen für knappe Holzkohle.
Folgeproblem: Qualitativ und quantitativ ungenügende Ausnutzung des knappen Bodens.
Problemlösungs-Ansätze: Agrar- und Wasserberatung. Know-how-Transfer aus vergleichbaren Zonen.
Problem: Ungenügende Nutzung der landwirtschaftlichen Produkte, z. B. saisonaler Früchte-Überschuss und fehlende Konservierbarkeit von Frischfleisch.
Ein Problemlösungs-Ansatz: Gezielte Förderung einfacher Konservierungsmöglichkeiten für landwirtschaftliche Produkte für den regionalen Bedarf sowie - verbunden mit Vermarktungshilfen - für die Städte.
Problem: Kühlung (ohne Strom bzw. teures Gas).
Problemlösungs-Ansatz: Einsatz einfacher Kühlsysteme auf der Basis der direkten Nutzung von Sonnenenergie.
Problem: Zu wenige praktische, handwerkliche Initiativen.
Problemlösungs-Ansätze: Anwerbung junger, unabhängiger - aber vor allem auch rüstiger älterer Handwerker im Ruhestand, die bereit und fähig sind, in Haiti praktisch zu unterrichten (Problem: Französisch); verbesserte Verfügbarkeit von Rohmaterial und von Einfachst-Technologie.
Problem: Kaum unbürokratische Kleinkreditquellen.
Problemlösungs-Ansatz: Raiffeisenartiges Mini-Kredit-System, sozial gesteuert + Förderung vorhandener micro-credit-Ansätze. Problem: Ungenügende Management-Fähigkeiten auf allen Ebenen.
Problemlösungs-Ansatz: Einfache Management-Schulung vor Ort.
Problem: Unzureichende Abstimmung zwischen den Trägern der Hilfsprojekte.
Problemlösungs-Ansätze: Gemeinsamer "Druck" durch die Geldgeber und besser organisierte Koordination durch den haitianischen Staat. Problem: Relativ zuviel Schwerpunkt-Förderung im Bereich der Hauptstadt.
Dadurch weitere Anreize, die weitgehend intakten ländlichen Familienstrukturen zu verlassen und die Slums in Port-au-Prince weiter aufzufüllen.
Problemlösungs-Ansätze: Mehr ländliche Förderung. Notwendige Slumsanierung nicht zu aufwendig, nur unter Beteiligung der Betroffenen und mit gesicherten Bodentiteln.
Problem: Fehlende Solidarität und Kooperationsbereitschaft der Haitianer untereinander (außer in den eigenen Familien).
(Strategische) Problemlösungs-Ansätze: Keine Almosen - außer für die Ärmsten, die sich nicht helfen können. Hilfe nur bei Eigenbeteiligung der Betroffenen. Anknüpfung an ländliche Coumbite-Tradition.
Problem: Korruption und Egoismus auf allen Ebenen.
Problemlösungs-Ansätze: Frühzeitige soziale Erziehung durch Montessori-Vorschulen sowie - zumindest noch mittelfristig - Kontrolle bei und nach allen Geldzahlungen.

Diese "Problemliste" aus den ersten Anfangsjahren des Haiti-Engagements ist leider weitgehend gültig und durch das Januar Erdbeben in 2010 noch aktueller geworden.
Auch während der politisch schwierigen Perioden der jüngsten Geschichte Haitis wuchs das Montessori-Projekt langsam, aber stetig – trotz einiger Unterbrechungen und Zerstörungen durch politische Unruhen und Tropenstürme und sogar (wenn auch stark verlangsamt) trotz des Erdbebens mit seinen über 230 tausend Toten. Dank der Initiative der gut ausgebildeten Lehrerinnen, der Eltern der Vorschulkinder und der jeweiligen Trägergruppen sowie dank der andauernden Betreuung durch Carol Guy-James Barratt regenerierten sich die schon früher, von dem Erdbeben und insbesondere auch die durch das Beben zerstörten vier Vorschulen wieder aus weitgehend eigener Kraft.
Das große Erdbeben im Januar 2010 zerstörte auch das Montessori-Lehrer(innen) Ausbildungszentrum in der Hauptstadt Haitis, Port-au-Prince. Die vom Erdbeben betroffenen Projekt-Lehrerinnen erhielten von uns befristete finanzielle Überbrückungshilfe, wünschten aber ausdrücklich selbst, dass der Neubau des Trainingszentrums Priorität erhalten sollte. Diesen Wunsch unserer Partnerinnen haben wir befolgt – s.: Aufbau nach dem Erdbeben.

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